Die Biographie - ein Spiel?
Zu den Erzählungen des Rudolf Werner Menachem Schmitz-Rudyn
   Einen Menschen erzählen zu hören ist etwas anderes, als ein Interview zu führen. Ist etwas anderes, als seine Geschichte zu schreiben. Seine Geschichte zu schreiben ist etwas anderes, als Geschichte schreiben.
   Eine Lebensgeschichte zerfällt in kleine Geschichten, die in sich die Geschichte unseres Jahrhunderts enthalten. Die Geschichte dieses Jahrhunderts zerfällt in Geschichten; die Geschichte existiert genauso wenig, wie die einzig gültige abgeschlossene Lebenserzählung. Wie sich ein Bild aus vielen, geklauten, gefundenen, zufällig - absichtlichen Teilen zusammensetzt. Ein Ganzes ergibt sich als Mosaikspiegel der Zeitgeschichte.
   Folgt mensch diesen G'schichterln (vorgetragen von einem, der es gewohnt ist, Menschen zum Lachen zu bringen, macht dieses Jahrhundert sogar Spaß), so führen sie einen (gewollt oder nicht) in die Gassen, Abgründe, Schächte, Knoten der ''jüngsten Vergangenheit". So als wären die einzelnen Bemerkungen Verweisschilder in das Innere des Labyrinths statt hinaus. So als blieben am Schluß mehr Leerstellen (in der Biographie und in der historischen Spurensuche), mehr Klüfte in der Erzählung (zwischen denen sich wieder neue Geschichten oder ganz ander Geschichten verbergen könnten) als klare Linien. Das Jahrhundert zerfällt in seine Geschichten; eine abgeschlossene Erzählung bekommen wir nicht.
   Wenn einem jemand eine Geschichte erzählt, so ist er kein Zeitzeuge (als wäre er bei einem Mord gerade zufällig Beobachtender gewesen), sondern ein Erzähler. Und als solche machen die Menschen ihre Geschichte nicht nur selbst, sondern auch ein zweites Mal - wenn auch nicht immer aus freien Stücken.
Karin Schneider Recherche

 
     
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