Zitate Rudolf Werner Schmitz, Sohn von Textilhändlern erzählt von einem Wien der "letzten Tage der Menschheit" "Geboren bin ich im Jahr 1905 in Favoriten. Das ist nun einmal eine Tatsache; - so können wir eventuell anfangen..." "...oft war ich mit meiner Mutter im Theater, und ich habe auch noch etwa zehnmal den Girardi gesehen..." Rudolf Werner Schmitz erzählt von seinem Weg in die Kunst, seiner Ausbildung zum Tänzer und Artisten und von seinen Lehrern und Lehrerinnen "»Rudi hast a Krone?« - das Dienstmadl ist oft mit mir ins Pimperltheater gegangen. Das war billig und sehr populär. Als Pimperln wurden kleine Gipsmarionetten bezeichnet, die es in jeder Papierwarenhandlung zu kaufen gab - ebenso gab es fertige Stücke dazu in Heften, zum Lesen und inszenieren." "...später habe ich selbst ein solches bekommen. In der Schule haben alle den Lehrer bestürmt: "Der Rudi hat a Theater!" Der Lehrer hat mich daraufhin aufgefordert, eine Vorstellung zu geben - mein erstes Bühnenerlebnis, wenn man so will. Danach hat mir der Lehrer empfohlen, auf die Volkshochschule zu gehen, um sprechen zu lernen." "...von der Volkshochschule bin ich zu Karl Forest, dem großen Volkstheaterschauspieler, weitervermittelt worden. Der hat einen Sprechchor geführt... Nach diesem Sprechchor hat die Gertrud Bodenwieser - die war eine Begründerin des Modern Dance - getanzt, nur zum Sprechchor, da war sonst keine Musik...Die Bodenwieser hat mich zum Tanz gebracht..." Rudolf W. Schmitz, Tänzer, Choreograf und Artist, erzählt von der Welt des Varietés, der Theater und Kaffees, des Revuetheaters und des Zirkus, wie sie heute kaum mehr vorstellbar scheint. "Bei meiner Artistenprüfung in der Volksoper ist die Josefine Baker aufgetreten. Da habe ich mir auch den Künstlernamen Rudyn zugelegt." "..in Wien hat es damals Sonntags den Korso gegeben - da sind alle gegangen, um sich zu zeigen: Die Damen, die Künstler, die Schmoks. Schlag elf der Herr Rudyn mit seinem Affen. Ich in genau demselben Anzug wie der Aff´... und die neidigen Leut´ ham gsagt: »Jö schau - de zwa Affn«" "Ja, den Kraus und den Altenberg habe ich noch im Kaffee Central belauscht - da sind wir am Nebentisch gesessen und haben ehrfurchtsvoll zugehört - das haben die natürlich bemerkt - und sie haben tatsächlich lauter gesprochen für uns..." Werner Schmitz Rudyn, einst ein junger Herr, der das ausgelassene Leben der zwanziger Jahre zu genießen verstand, erzählt so manchen Schwank. "...im Ronacher bin ich aufgetreten und im Apollo, in der »Hölle« und im »Leicht« - beim »Leicht« hat man gespielt ohne Gage - weil man beim Leicht gespielt haben muß. Sogar die Josephine Baker ist nicht ausgekommen. Im »Leicht« wurde nur Sonntags gespielt..." "...Im Ronacher ist der Breitbart aufgetreten, der hat, auf einem Nagelbrett liegend, ein komplettes Ringelspiel mit Hutschpferden und 8 bis 10 Leuten drauf auf seiner Brust balanciert, und das Ringelspiel hat sich gedreht - jeder der drauf gefahren ist, hat für einen bestimmten Zweck gespendet. Ich bin am selben Abend aufgetreten, und nach mir ist der Hanussen gekommen..." "Dem Hanussen wollte ich ausreden, daß er nach Deutschland ins Engagement geht - wegen der Nazis - leider umsonst: Er ist doch gegangen." Werner Schmitz Sozialdemokrat und Mitglied des Schutzbundes geht nach Palästina und wird zu Menachem Rudyn und lernt dort seine spätere Frau Margarete kennen mit der er 56 Jahre glücklich verheiratet sein wird. "1932 hatte ich ein Engagement in München, und da hab ich gesehen, was die Nazis sind... und im Scherz habe ich zu denen dort gesagt: »Ihr brauchts halt immer an Österreicher, der eich die Wadln vierericht« - da haben sie mir gesagt: »brauchst ka Angst hom, der kummt zu eich aa« Ich hab ihnen das geglaubt, und wieder zuhause hab ich versucht, meine Eltern zu überzeugen, daß sie weg müssen. Die haben es aber nicht geglaubt - und sind später umgekommen. Ich bin `33 mit einem Touristenvisum nach Palästina..." "In Herzliah hab´ich meine Frau kennengelernt... Wir waren ja illegal in Palästina - das Visum ist nach drei Monaten abgelaufen- ..Brieflich erführ ich, daß die Hahnenschwänzler 1934 in Wien nach mir gesucht haben, da ich ja Schriftführer bei der SAJ Favoriten war ..." "...17 Berufe - vom Orangenplantagen-arbeiter im Kibbuz bis zum Freileitungs-monteur - in Tel Aviv habe ich ausgeübt..." "...als ehemaliger "Schutzbündler" bin ich natürlich sofort zur Haganah gekommen... es hat damals schon Reibereien mit den Arabern gegeben." Menachem Rudyn wird britischer Soldat und ist als Rudy Rudyn zuständig für die Unterhaltung der britischen und amerikanischen Truppen von Tunis bis Teheran. "...in Palästina hat es geheißen: »Werner Schmitz - so kannst du hier nicht heißen.« Bei den Briten hat mich der sergant-major, nach mehrmaligem Versuch »Menachem« auszusprechen, fluchend gefragt, ob ich nicht einen anderen Namen auch noch habe..." "In Jerusalem hatte ich den Befehl, einen hohen Offizier der Wehrmacht zu bewachen, der in den letzten Zügen lag - er hatte Krebs. Ich ich durfte nicht mit ihm sprechen. Nach einiger Zeit habe ich es nicht mehr ausgehalten und ihm gesagt: »Reden Sie, ich spreche Deutsch.« Und er hat mir seine Verbrechen erzählt und was ihn quälte... Als es zuende ging, habe ich ihn gefragt, ob er einen Priester wolle, und er sagte nur: »Wenn Sie mich verstehen, wird mich wohl auch Gott verstehen.« Ich habe für ihn einen Brief durch das Rote Kreuz nach Deutschland geschickt. Das war sehr gefährlich. Etwa ein Jahr zuvor habe ich durch das Rote Kreuz von der Vernichtung meiner Eltern erfahren." Rudi Menachem Rudyn erzählt vom Ende des Krieges, dem Ende seiner Eltern im Dritten Reich und vom Anfang Israels "...in Kairo habe ich für König Faruk getanzt und in den Camps für die Soldaten... In jedem Lager sind wir nach der Vorstellung von den Offizieren eingeladen worden..." "...ich habe für die Gefangenen in den Lagern eine riesige Volkshochschule organisiert. Es waren ja sogar Universitätsprofessoren unter den Gefangenen...wir hatten mehrere Orchester und am Schluß sogar ein Theater in den Lagern..." Rudolf Werner Schmitz Bilanzbuchhalter der Gemeinde-bediensteten im ÖGB, Verwalter im Restitutionsfond, beginnt als Pensionist mit 90 Jahren Collagen zu machen. "...bei der Überstellung des Leichnams Theodor Herzls ist ganz Tel Aviv auf den Beinen gewesen, und wir sind am Straßenrand gestanden und waren sehr bewegt. Im Staat Israel haben wir 8 Jahre gelebt. Wir sind 1956 nach Wien zurück, weil ich als Pazifist nicht auch noch General werden wollte."