Illustrierte Neue Welt

Sich der Vergangenheit stellen


Was passiert, wenn ein Familienmitglied aus einer Großfamilie sich mit der Nazivergan­genheit der Vorfahren auseinandersetzt? Was passiert, wenn ein Künstler und sein Cousin, ein Japanologe, sich in einer Internetplattform aufBasis von Web 2.0 der Familiengeschichte stellen? Was passiert, wenn das Schweigen ge­brochen, die Mythen entlarvt und die Lügen enttarnt werden, die Jahrzehnte lang in einer Familie kursieren?
Friedemann Derschmidts Vorfahren waren NSDAP Mitglieder, Offiziere bei der SS und der SA. Der Urgroßvater spielte im „System Familie” eine bedeutende Rolle: der Arzt und Universitätsprofessor Dr. Heinrich Reiche!, einer der prominentesten Rassenhy­gieni ker Österreichs. Dieser starb 1943, war aber nie Mitglied der NSDAP und soll auch die SS-und SA-Mitgliedschaften zweier Söhne nicht gutgeheißen haben. Die Euthanasie hat er strikt abgelehnt. Etwa ein Drittel der Familie trat dem Inter­netprojekt Reiche/ komplex bei, später wurden auch noch Historikerinnen, Soziologinnen, Psychologlnnen und andere Expertinnen in das Projekt miteinbezogen. Der Künstler wan­dert an den Schnittstellen Kunst, Wissenschaft und persönlicher Biografie. Etwas provokant formulierte er die Frage auf der Homepage, die sinngemäß lautete: ,,Hat der Eugeniker Dr. Heinrich Reiche! zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein ganz persönliches Vererbungsexpe­riment gestartet? Schließlich hat er 9 Kinder, 36 Enkel-kinder und über 80 Urenkel. Sind wir das Ergebnis eines genetischen Versuches’ Lasst uns dieses Experiment evaluieren … ”
Ein Cousin des Vaters sprach in einem offenen Brief aus, was viele dachten: er fühlte sich in seinen Persönlichkeitsrechten ver­letzt und forderte das sofortige Einstellen der Homepage. Derschmidt solle von seinem Fa­milien-Experiment mit pseudowissenschaft­lichem Ansatz Abstand nehmen. Dieser Um­gang ist symptomatisch für Österreich, ein Land dessen Bewohnerlnnen sehr lange Opfer waren. Dieser ‘föematik widmet sich Margit Reiter in ihrem Text: Framework -Postnatio­nalsozialistische Familien(re)konstruktionen im österreichischen Kontext. Derschmidt machte Interviews mit Verwandten und sammelte eine Menge an Material, von Briefen über Fotogra­fien bis hin zu medizinischen Unterlagen, ein umfangreiches Archiv entstand. Das Buch ge­währt uns Einblicke in dieses Archiv.
Interessant ist der Beitrag von Dietmar Weixler, der selbst Arzt ist und näher auf die Lehren des Urgroßvaters eingeht. Er stellt auch prägnante Fragen: Wie viel Heinrich Reiche/ lebt in mir fort? oder Sind wir Nachkommen schuldig?
Gemeinsam mit dem Israelischen Künstler Shimon Lev entwickelte Derschmidt seit 2013 das Projekt Two Family Archives (www.twofa­milyarchives.com). Während ersterer versucht, unter Einbeziehung der Verwandten, mit den problematischen politischen Verstrickungen der eigenen Familie vor, im und nach dem Nationalsozialismus umzugehen, setzt sich Lev in seiner künstlerischen Arbeit mit den Auswirkungen der Shoa auf seine Familie in der Gegenwart auseinander.
Die Publikation zählt zu den 15 schönsten Büchern Österreichs, die 2015 prämiert wur­
den: ,,Dem Buch gelingt es durch eine äußerst konsequente, übersichtliche und informative Gestaltung, formale Klischees von damals wie heute auf neue und ungewohnte Weise zu brechen und so Interesse für ein wichtiges Thema zu wecken … ” Herzliche Gratulation, Friedemann!

Petra M. Springer

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